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Einfach nur da sitzen und glücklich beobachten, wie sich alles verändert

'Wirst du nicht manchmal ungeduldig?' Ich nehme das Glas herunter und schaue Janni an. Da hatte ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht. Es wird dunkel. Es wird kühl. Ungeduldig? 'Nein. Ich glaube nicht?', antworte ich etwas zögerlich und nehme das Glas wieder an die Augen. Meine Antwort befriedigt mich nicht, denn ich fühle in etwa, was Janni meinen könnte, aber es passt so gar nicht zur Situation. Ich werde schon mal ungeduldig, wenn die in der Stadt allgemein als 'A****lochampel' verschriene Lichtsignalanlage wieder mal Dauerrot zeigt: Zigarette, Sendersuchen, genervtes Spiel der Fingerspitzen an der Naht des Lederlenkrads. Unterdrückte Flüche. Offenes Fluchen. Termine. 'Arschlochampel!'. Wenn ich beim Ansprechen eines Stückes freundlich flüsternd Worte wie 'Dreh dich doch bitte mal um!' von Feldkante zu Feldkante hauche, dann hat das eine andere Qualität.' Nein, ich glaube nicht!' Wir flüstern Englisch. Janni glast die Wiese ab. Wir schweigen wieder.
Janni ist das erste Mal mit auf Jagd. Obwohl Anders, ihr Mann, ebenfalls Jäger ist. Anders, Janni und Otto besuchen uns über das Wochenende, sind 750 km gefahren. Otto ist Lizzys Bruder: Ein mächtiger Bracco Italiano. Lizzy ist unser Hund. Womit die Familienverhältnisse geklärt wären. Und was uns anfangs verband. Welpentreffen an der Ostsee, abends im Hotel Bierchen, Austausch über die Hunde, Gespräche über die Jagd, hier wie dort, der Däne pirscht mit Flinte auf Rehwild, aha!, philosophieren über die Banalitäten des Alltags und den Sinn des Lebens. Erweiterte gemeinsame Hunderunde vor dem Frühstück, erneutes Philosophieren, gegenseitige Einladung zum Besuch. Zur Jagd. Nun sitzen wir alle an unserem Küchentisch beim Frühstück, die Hunde dösen schon wieder. Ich sehe zum ersten Mal einen Ausländerjagdschein für Jagdgäste und bin erstaunt, dass Anders für vierzehn Tage genau dasselbe grüne Heftchen bekommen hat, wie ich für drei Jahre und mehr. Die dänische Jagdkarte kommt im Kreditkartenformat daher. Wir planen einen gemeinsamen Abendansitz. Anders bringe ich an die Dornröschenkanzel, umwuchert von Wildrosen. Erfahrungsgemäß immer wieder vielversprechend. Jagdglück. Zusammen mit Janni sitze ich in der großen Kanzel am Wildacker. Ich möchte gerne, dass Janni auf jeden Fall Anblick hat. Anders erkläre ich die Freigaben. Alles, was das Jagdrecht hergibt. 'Und wenn es drei Beine hat', paraphrasiere ich den Hegeabschuss, 'oder fünf, dann bitte …!'
Aus diesem Grund steht jetzt auch die Büchse in der Kanzel. Ich habe mir fest vorgenommen, nicht zu schießen. Drei- und fünfbeinige Stücke ausgenommen. Aber eigentlich geht es mir um Anblick für Janni. Irgendwie hat sich in meinem Kopf die Vorstellung festgesetzt, dass für Nichtjäger - wie Janni - das Beobachten von Wild am ehesten als Jagderfolg gelten müsse. Schießen muss ich nicht. Janni sitzt neben mir.  Schießen will ich nicht. Anders im nächsten Tal, Waidmannsheil, Knæk og bræk, das Beste für die Gäste. Es ist früh am Abend. Sehr viel früher, als vielleicht nötig. Wir werden sicher drei Stunden sitzen können, ehe es zu dunkel wird. Es ist leicht bewölkt, mäßiger Wind von Osten. Gute Bedingungen, eigentlich, denke ich. Wir haben Zeit. Wir plauschen. Janni fragt mich nach meiner Büchse. Was ich tun werde, wenn wir Anblick haben. Ich sage ihr, dass ich nicht vorhabe, zu schießen, auch, weil sie dabei sei. Ob sie glaubt, mir die Jagd zu verderben? 'Ich hätte kein Problem mit dem Töten', sagt sie und legt nach: 'Aber ich weiß nicht, ob ich die nötige Geduld hätte, um Jäger zu sein.' Wir schauen.
Spätestens um sechs wird sich irgendwas bewegen. 'Rehe', flüstere ich Janni zu, 'Rehe sind manchmal wie Geister. Man starrt grade auf den Acker. Sucht nach Bewegung in der Farbe. Ein kurzer Blick nach links. Und zurück. Da stehen sie. Vom Himmel gefallen.' Wir starren auf den Acker, suchen nach Bewegung im Braun. Schon halb sechs. Passt schon. Um sieben geht die Sonne unter, dann haben wir noch etwa dreißig Minuten bequemes Licht. Spätestens um sechs sollte sich etwas bewegen. Ich beginne, die Waldkante intensiv abzuglasen. Rehe fallen eben nicht vom Himmel. Janni sitzt neben mir. Ihr Telefon vibriert. Sie schaut mich schnell schuldbewusst an. Da vibriert mein Telefon ebenfalls. Anders hat in die Gruppe geschrieben. Schon zehn nach sechs. Er hat eine Ricke mit Kitz vor. Er schreibt 'Lamm' und ich grinse. Was heißt gleich Kitz auf Dänisch? Ich google das mal eben, während Janni weiter die Waldkante im Blick hat. Klar, Rehkitz, tysk-dansk ordbog online: Lam. Sagt das Wörterbuch. Ich warte auf einen Schuss. Viertel nach, Neunzigste Minute. Es ist ein bisschen, wie eine Radioübertragung. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen - Rahn schießt. Doch es bleibt still. Zwanzig nach sechs. Passte nicht. Also langsam… werde ich ungeduldig? Ich wundere mich. Rehe sind nicht nur wie Geister, Rehe sind eigentlich auch ziemlich pünktlich. Um 18:30 müsste uns ein starker Sechser seine Aufwartung machen. Also spätestens um 18:35 … Ich bin nicht ungeduldig. Ich bin ein wenig verärgert. Wir sitzen seit zwei Stunden, an einem sehr guten Platz, bei gutem Wind. In 20 Minuten wird die Sonne untergehen. Wo bleibt die Ricke mit den zwei Kitzen? Ich fürchte, Jannis Geduld zu strapazieren. Ich will, dass Janni Anblick hat. Völliger Blödsinn. Jagdglück eben. Aber nicht einmal ein Fuchs? Kein schnöder Fasan? Ein Schmetterling? A rabbit! 'Ein Kaninchen!' flüstert Janni so erregt, wie man erregt flüstern kann. Ohne das Glas abzusetzen deutet sie in Richtung Feldweg. Ein Hase im beginnenden Sonnenuntergang, rotgold-violett umstrahlt. Man kann ihn mit bloßem Auge da sitzen sehen, in etwa 30 Meter Entfernung.
Wo man im Deutschen jedes Kaninchen gerne umgangssprachlich nichtsahnend zum Hasen befördert, läuft das im Englischen eher umgekehrt: Was hoppelt und zwei Löffel hat, ist ein rabbit, ein Kaninchen. Vielleicht ist es im Dänischen auch so?
'That is a hare', ein Hase, kläre ich Janni über ihren wildbiologischen Irrtum auf.
Jäger sind schon auch gerne mal Klugscheißer. Und Janni gibt mir leicht frustriert zu verstehen, dass in vergleichbaren Situationen - Hase und Kanin  - ihr Mann Anders sie in ganz nämlicher Art stets auf ihren Irrtum hinzuweisen pflegt. So beschließen wir später verschwörerisch, erstens darüber nicht weiter zu sprechen und zweitens für die Zukunft, darauf zu verweisen, dass systematisch gesehen alles in der Familie seine Ordnung hat, und so gesehen, spätestens seit Linné das Wildkaninchen unter taxonomischen Aspekten auch nur ein Hase ist.
Und schließlich war Linné ja auch Däne. Und Dänen lügen nicht. Janni sieht kurz verwirrt aus. Funktioniert nicht auf Englisch, denke ich. Natürlich nicht. Dämlich. Ich.
Kurz nach Sieben. Schieres Pathos überfällt mich. Der Hase schreitet, überlegen röhrend sein Gebiet beanspruchend, gottgleich nach links ab, seine kapitalen Löffel potentiellen Konkurrenten keck entgegen reckend. Die Sonne geht nicht einfach nur unter. Sie begibt sich majestätisch in einer Symphonie des Lichts hinter dem Horizont zur Ruhe. Wie es sich gehört, am Ende eines guten Tages. Und ich wundere mich nicht zum ersten Mal, dass man einen solchen Sonnenuntergang nicht wirklich auch hören kann.
Unsere Telefone vibrieren. Der Hase reckt uns seine Blume entgegen und zeigt uns, dass auch er weiß, wie der Hase rennt. Anders im Tal, das von unserer Anhöhe beschattet wird, schreibt, dass er entladen wird. Es wird dunkel. Es wird kühl. Er muss den Sonnenuntergang schon eher gehört haben. Ich entlade ebenfalls. Wir baumen ab.
Eigentlich kanzeln wir ab. Wie so oft an diesem dreisprachigen Wochenende kann ich nicht umhin, Worte auf Waagen zu legen.
Im Auto freut sich mein Hund. Fünf Minuten später laden wir Anders und Otto ein. Die freuen sich auch. Heimfahrtgespräche. Zufrieden. Zwar keine Leber zum Abendbrot. Nichts für die Kühlkammer. Doch zuhause gibt es Pasta mit Blauem Stilton und Cranberries. Riesling. In der Soße. Im Glas. Anblick: Natürlich erzählt Janni von ihrem Hasen. Und natürlich sagt sie erst mal rabbit und prustet im nächsten Moment los, noch ehe Anders versteht, warum. Diese Verschwörung war von kurzer Dauer. Wir lachen. Die Hunde schauen müde auf, während Anders uns belehrt, dass Linné doch Schwede war. Ich schwadroniere über Michael Holm, Tränen, die nicht Lügen und Otto Waalkes, entschuldige mich für den Hasen, den einsamen, nach Stunden, die Geduld.
'Warst du nicht manchmal ungeduldig?', frage ich Janni. Und im Handstreich setzt sie nicht nur mich und meine Ideen über ihre Ansprüche an Jagd und Erleben ins Lot, sondern stellt auch gleich ganz nonchalant eine postfaktische, postmoderne, stets unstet irrende Gesellschaft dem Dasein an sich, der Jagd, einem faktischen Hasen und der archaischen Erfahrung entgegen: 'I have never sat in one place for such a long time just happily watching everything change.'
Immer schon sei sie schauend durch Welt und die Natur gegangen, wenn verweilend, nur rastend, allenfalls, suchend. Doch an einem Ort so lange harrend zu beobachten, statt zu suchen, finden, wie sich alles verändert, während man selbst bleibt, bleibt bei einem. Ihre Antwort befriedigt mich und wir fühlen genau, was Janni meint. Ich ziehe noch eine Flasche auf. Der Kamin brennt. Die Hunde… dösen.
Thomas E. Emmert
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